Videoprogramm im November
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Mittwoch 02. November 2005 - 20 Uhr
Eintritt: 3.50 Euro
special - Die Sammlung Goetz aus
München zeigt:
Extracurricular Activity Projective Reconstruction #1 2000,
29 Minuten (eng.)
Mike Kelly, USA
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Dieses Video, basierend auf einem gefundenen Foto
aus einem Highschool-Jahrbuch, ist das erste in einer Serie
von 365 geplanten Tapes und Installationen, die sich auf Mike
Kelleys Skulptur Educational Complex (1995) beziehen werden.
Bei dieser Skuptur handelt es sich um ein Architekturmodell
aller Schulen, die er besucht hat, worin alle die Sektionen
leer bleiben, an die er sich nicht erinnern konnte. Gemäß
der psychologischen Theorie des "Repressed Memory Syndroms"
erklärt er diese Leerstellen zu potenziellen Orten von
Misshandlungen. Diese Videoserie ist so angelegt, dass die
räumlichen Erinnerungslücken mit standardisierten
Misshandlunsszenarios aus der Literatur zum "Repressed
Memory Syndrom" gefüllt und angereichert werden
durch Details aus der eigenen Biografie und Erinnerungen aus
dem kollektiven Bewusstsein des Films und der Literatur.
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This video, based on an photograph discovered in a high-school
yearbook, is the first in a series of 365 videos and installations
that pertain to Mike Kelley's sculpture Educational Complex
(1995). The sculpture is an architectural model of all the
schools that Kelly attended, in which the sections of which
he has no memory remain empty. In accordance with the theory
of "Repressed Memory Syndromes", he declares them
to potential places of abuse. The video series is so arranged
that the spatial holes in memory are filled with standardised
scenarios of abuse from the literature of Repressed Memory
Syndromes and enriched with details from the author's own
biography and memories from the collective consciousness of
films and their literature.
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Alpsee 1994, 14 Minuten
Matthias Müller, Deutschland
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In Alpsee kombiniert Matthias Müller seine
spezifische Arbeitsweise, die experimentell-surrealistische
Montage von Found-Footage Material, erstmals mit dem konventionellen
Erzählen einer Geschichte in Spielfilmszenen. Der Film
verwendet einerseits exakt nach einem Drehbuch gedrehte Szenen,
andererseits greift er zurück auf Filmmaterial aus dem
Privatbestand von Müllers Vater, sowie auf ausgesuchte
Szenen aus den TV-Serien Fury und Lassie.
Die Story dreht sich um einen in den frühen 1960er Jahren
heranwachsenden Jungen und dessen Verhältnis zu seiner
Mutter. Beide verbindet eine seltsam emotionslose Beziehung
aus der alles Liebevolle und Körperliche ausgeklammert
ist. Die meiste Zeit sieht man die Mutter im Haushalt. Sie
putzt, sie bügelt, sie backt und kocht, während
der Junge gelangweilt daneben sitzt. Als die Mutter den Sohn
einmal umarmt, wirkt dies jedoch nicht wie eine liebevolle
Geste, sondern eher wie eine Umklammerung. Die Montage und
Wiederholung ähnlicher Szenen aus der TV-Serie Fury machen
dies besonders anschaulich.
Aus seiner engen Welt kann der Junge sich nur durch Tagträume
flüchten. Seine Sehnsucht nach Freiheit spiegeln auch
die Motive des Himmels und des Alls wieder, die häufig
die Fantasien einleiten. Auf den ersten Blick sieht der Junge
sehr brav aus. Er hat das Haar ordentlich zu Seite gescheitelt
und das Hemd bis zum obersten Knopf geschlossen. Dennoch hegt
er aggressiv, subversive Gedanken.
Die Geschichte in Alpsee wird durch das Found-Footage-Material
von Matthias Müllers Vater eingerahmt. So sieht man am
Anfang Bilder einer Hochzeit und am Ende das Bild von Müllers
im Sonnenuntergang badender Mutter. Dagegegen haben die Szenen
aus den TV-Serien Lassie und Fury eine die Narration unterstützende
Funktion. Sie visualisieren die Träume des Jungen oder
sie verdoppeln bestimmte Szenen. Seine experimentelle und
surrealistische Kraft entwickelt Alpsee über die Ebene
der Montage, die nach dem Prinzip der Änlichkeit funktioniert.
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In Alpsee Matthias Müller combines for the first time
his specific method of the experimental-surrealistic montage
of found-footage-material with the conventional narration
of a story in film scenes. The film has on the one hand scenes
done exactly according to a script, and on the other hand
makes use of material from the private collection of Müller's
father and selected scenes from the TV series Fury and Lassie.
The story turns on a boy growing up in the early 1960's and
his relation to his mother. Both are bound by a strangely
emotionless relation, from which every affectionate and physical
gesture is excluded. Most of the time we see the mother at
work in the household. She cleans, she irons, she bakes and
cooks, while the boy sits beside her bored. When she for once
embraces her son, this seems less like an affectionate gesture
than a clench. The montage and repetition of similar scenes
from the TV series Fury make this particularly vivid.
From this narrow world the boy can flee only in his day-dreams.
His longing for freedom is reflected in the motif of the sky
and outer space, which often introduces the film's fantasy
sequences. At first sight, the boy looks very well-behaved.
His hair is parted orderly at the side and his shirt buttoned
up to the top button. Yet he harbours aggressive-subversive
thoughts.
The story in Alpsee is framed by found-footage-material from
Matthias Müller's father. Thus we see at the beginning
pictures of a wedding and at the end one of Müller's
mother bathing at sunset. By contrast, the scenes from the
TV series Lassie and Fury function to support the narrative.
They visualize the boy's dreams, or they double certain scenes.
Alpsee develops its experimental and surrealistic power through
montage, which functions in accordance with the principle
of similarity.
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Mittwoch
09. November 2005 - 20 Uhr
Eintritt: 3.50 Euro
"Ein Zentrum in der peripherie" zeigt:
Requiem für meine Mutter 2002, 35 Minuten
Christine Reeh, Deutschland
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Als ihre Mutter an Weihnachten 2001 an Krebs stirbt,
entscheidet sich die Regisseurin dieses autobiografischen
Filmes ihr einen Erinnerungsbrief zu schreiben, der eine tagebuchähnliche
Form annimmt und Vergangenheit und Gegenwart miteinander verwebt.
Es geht um die letzten Momente der Mutter, die Monate nach
ihrem Tod und wie das Leben nach und nach weitergeht.
Gefilmt zwischen Deutschland und Portugal ist das Ergebnis
ein aus alltäglichen und persönlichen Bildern zusammengetztes
Requiem.
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When her mother dies of cancer on Christmas in 2001, the
producer of this autobiographical film decides to write a
letter of souvenir to her mother. This letter resembles a
diary and interweaves the past and the future. The last moments
of the mother, the months after her death and how life goes
on are described.
Being filmed between Germany and Portugal, the result is a
requiem put together of personal and everyday life pictures.
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Sept
visions fugitives 1995, 31 Minuten
Robert Cahen, Frankreich
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Robert Cahens Videokunstwerk wurde beim \\internationaler\medien\kunst\preis
1996 als mit Abstand herausragendste Arbeit des Wettbewerbs
bezeichnet. In seiner vollkommenen Poetik schafft es eine
eigenständige Bild- und Tonsprache, die sich formal und
inhaltlich nicht an etablierte visuelle Ausdrucksformen anlehnt
und gleichzeitig weit über eine experimentelle Studie
hinausgeht. Der impressionistische Gestus vermittelt nicht
nur "Visionen" des China von heute, im Zug, im Park,
auf dem Markt, sondern auch von gestern, indem die elektronische
Bearbeitung des Bildes und des Tons einen visuellen Klangraum
schafft, der dem Geist vergangener Epochen und Ästhetiken
nahe kommt. Das Band sprengt jeden erzählerischen Rahmen
und verdichtet sich zu einem Reigen eindrücklicher Bilder,
geordnet in 7 Episoden. Zwischen einem Kinderauge am Anfang
und dem Ohr eines Bonzen am Ende gelingt es Cahen meisterlich,
den Zuschauer zu fesseln, ohne je eine Geschichte zu konstruieren.
(1. Preis \\internationaler\medien\kunst\preis 1996)
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A China of cyclists, of water carriers, beggars and schoolboys
in Mao collars, conceived in seven tableaux, in a mode of
video writing which stretches time, plays with appearances
and recreates landscapes. "A transition from the still
to the moving image, a moment when we collapse from one impression
to another : slow motion, which is characteristic of a part
of my work and which is both motion and near stillness..."
(winner of the \\internationaler\medien\kunst\preis 1996)
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Mittwoch
16. November 2005 - 20 Uhr
Eintritt: 3.50 Euro
"Ein Zentrum in der peripherie" zeigt:
Werkschau 1997-1999, 88 Minuten
Chantal Michel, Schweiz
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Chantal Michel erforscht in ihren Foto-, Video-
und Performance-Arbeiten das Spektrum menschlicher Emotionen.
Für sie steht fest, dass Kunst nicht etwas ist, das ausserhalb
liegt, sondern die eigene Person und den Körper betrifft.
Die Räume, in denen sich die Künstlerin inszeniert,
sind real: eine alte Brauerei in Bern, ein Trödelladen
in Thun, ein Luxushotel in Paris. Durch ihre Präsenz
schafft sie Bilder, in denen das Unheimliche eintritt, Bilder
im Zustand des Dazwischen, Bilder zwischen Wachsein und Traum.
Sie schafft das, was im Märchen möglich ist. Sie
schafft Verwandlungen, arrangiert ihren Körper in einer
ausgewählten Umgebung, verfremdet ihre Anatomie und führt
symmetrische Stellungen aus, die sie einem Gegenstand oder
Gewächs angleichen.
"In meinen Videoarbeiten will ich ein Gefühl, einen
Zustand zeigen", sagt die Künstlerin. Und es ist
oft mehr als das. Um Schwerelosigkeit z.B. geht es in "Weißes
Rauschen". Sie selbst bewegt sich auf dem Boden, rollt
und ruscht auf und ab. Doch die Kamera ist so montiert, dass
der Eindruck entsteht, sie hinge an der Wand, arbeite sich
hinauf, fiele wieder herunter. Chantal Michel arbeitet immer
mit sich und ihrem eigenen Körper und tut dies mit vollem
Einsatz. Sie rennt gegen Wände, und jeder Schlag ist
wie ein lauter Schrei der Verwzeiflung, sie isst dutzende
Pralinen bis zum Erbrechen, sie hängt sich wie einen
alten Mantel in den Schrank oder verknotet sich in ein Kabel.
Doch die extremen körperlichen Zustände in ihren
Laborsituationen verweisen auf mehr, als auf das reine Ausloten
von Belastbarkeit: sie sind Spiegel der Psyche, bringen seelische
Befindlichkeiten zum Ausdruck. Das klingt existenziell und
bedrohlich, doch Chantal Michel bewahrt bei ihren Versuchsanordnungen
immer ungeheure Leichtigkeit, eingebettet in ästhetisch
ansprechende Arrangements. Eine harmlose Fassade, die den
Abgründen den Schrecken nimmt und sie beinahe erträglich
machen. Versöhnlicher Schrecken, kunstvoll, sparsam und
von großer Überzeugungskraft.
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Chantal Michel researches in her photo, video and performance
works the spectrum of human emotion. She is convinced that
art is not something that is outside, but inside the human
being and concerns the body. The rooms in which the artist
produces herself are real: an old brewery in Bern, a junkshop
in Thun, a luxury hotel in Paris. By her presence she creates
pictures, where the weird comes true, pictures in a state
of in between, pictures between awareness and dreams. She
creates what is possible in a ferry tale. She creates transformation,
she arranges her body in a well-chosen environment, alienates
her anatomy and stays in symmetrical positions, which adjust
her to an object or a plant. "In my video works I want
to show a feeling, a state", says the artist. And often
it is more than that. Weightlessness is, for example, the
subject of "Weißes Rauschen". She, herself,
moves on the floor rolling and sliding back and forth. But
the camera is mounted in such a way, that you get the impression
it hung on the wall, worked its way upwards and fell down
again. Chantal Michel works always all out of herself and
her body. She runs against walls and every beat is as loud
as a desperate cry, she eats dozens of chocolates till she
has to vomit, she hangs herself in the wardrobe like an old
coat or ties herself up with a cable. But the extreme physical
states in her laboratory situations refer to more than only
the testing of resistance: they are the mirror of the psyche
and show mental states. This sounds existential and menacing,
but Chantal Michel always keeps an unbelievable lightness,
embedded in aesthetical attractive arrangements. A harmless
façade, that takes the fright away from the abyss and
makes it nearly bearable. Reconciliating fright, artistically,
simple and with a massive power of persuasion.
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Mittwoch
23. November 2005 - 20 Uhr
Eintritt: 3.50 Euro
"Ein Zentrum in der peripherie" zeigt:
Invisible 2004, 12 Minuten
Kassandra Wellendorf, Dänemark
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Wie benehmen sich die Leute, wenn sie auf den
Bus warten? Und wie spiegeln sich Gedanken und Gefühle
in ihren Bewegungen und ihrer Mimik wieder? Kassandra Wellendorf
hat eine poetisch sinnliche Bilderzählung geschaffen,
die der unterbewussten und unüberlegten Gestik der Wartezeit
nahegeht; die kleinen Bewegungen, die das Gefühl der
Einsamkeit, der Irritation und der Rastlosigkeit markieren.
Im Film wird ins Blickfeld gerückt, wie wir auf einmal
einander physisch nahe und doch unsichtbar für einander
sind. Wie wir in der Begegnung mit dem Anderen eine unsichtbare,
persönliche Grenze bezeichnen, um unseren eigenen Raum
zu schützen. "Invisible" legt die Choreographie
der Wartezeit bloß.
Kassandra Wellendorf erforscht in ihren Werken die Möglichkeit
der Filmsprache um einen anderen Blick auf die Welt zu schaffen.
Sie arbeitet mit vielen verschiedenen Genren und Medien -
Dokumentar, Fiktion, Animation, Interaktion und Installationen.
In der Bandbreite zwischen dem Objektiven und dem Subjektiven
schafft sie poetische Bilder von hoher sinnlichen Qualität.
Während der letzten paar Jahre hat besonders das Aufeinandertreffen
von privatem und öffentlichen Raum ihre Werke beschäftigt.
Kassandra Wellendorf macht seit Ende der 80'er Jahre Filme,
war an internationalen Filmfestivals beteiligt und hat mehrere
Filmpreise erhalten. Ihre Filme u.a. "Big Wash",
"Close", "Landschaften", und "City
Souls" sind im Verleih des Dänischen Filminstituts.
Das Video "Invisible" erhielt beim \\internationaler\medien\kunst\preis
2004 den Sonderpreis.
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How do people behave when they are waiting for a bus? How
are their thoughts and feelings reflected in their movements
and facial expressions? Kassandra Wellendorf has created a
poetic and sensual visual narrative which investigates the
unconscious and unaware gestures of waiting; the small movements
which indicate feeling of loneliness, irritation and restlessness.
What does the city space do to us? The many unknown faces
and fleeting glances that reveal who one is in an instant.
The film focuses on how we are simultaneously physically close,
yet invisible to one another. Is it the danger of becoming
invisible that makes us fiddle with our bags? Do we disappear
inside ourselves? - Do we make others disappear from our imagination?
Invisible exposes thechoreography of waiting.
("Sonderpreis" of the \\internationaler\medien\kunst\preis
2004)
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Letters
from Tentland 2005, 50 Minuten (eng.)
Karina Smigla-Bobinski, Polen
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"Letters from Tentland" ist eine Theaterproduktion
(Konzept und Regie: Helena Waldmann, Videoprojektion: Karina
Smigla-Bobinski und Anna Saup, Musikalische Leitung: John
H. Schiessler) und zugleich ein interkultureller Prozess.
Nach der Konzeptions- und Entwicklungsphase in Deutschland
im Herbst 2004 kam es zu zwei öffentlichen Aufführungen
in Teheran im Rahmen eines großen Theaterfestivals im
Januar 2005. Die Bühnenperformance besteht aus einer
Sequenz von Tanzchoreographien und Monologen in einem audiovisuellen
Rahmen aus Videoprojektionen und Musik auf einer Bühne,
die zugleich Aktionsraum und Bildfläche ist und sich
schließlich, am Ende des Stücks, wenn nur die Zuschauerinnen
zum Gespräch mit den Künstlerinnen hinter die Kulissen
gebeten werden, in einen Kommunikationsraum zwischen Akteurinnen
und Publikum öffnet
"Letters from Tentland" zitiert in seinem Titel
das literarische Genre des persönlichen Berichts aus
der Fremde, und auf der sprachlichen Ebene funktioniert auch
die visuelle Metapher der Zelte, in denen sich die sechs iranischen
Akteurinnen während des gesamten Stücks befinden:
"Tschador" bedeutet im Persischen sowohl den die
Körper der Frauen ganz verhüllenden Umhang, der
seit der islamischen Revolution nicht mehr nur in ländlichen
Regionen getragen wird sondern per staatlicher Verordnung
immer und überall im öffentlichen Leben getragen
werden muss. "Tschador" ist aber auch das persische
Wort für "Zelt". Sollten sie den Wunsch verspüren,
an einem Ort zu verweilen, sind persische Frauen im öffentlichen
Leben dazu verpflichtet, sich in ein kleines Zelt, das sie
mit sich führen, zu setzen. Für totalitäre
Gesellschaftsordnungen, in denen elementare Zeichen als rigorose
Regeln gesetzt werden, typisch, ist der "Tschador"
in seiner doppelten Erscheinung also ein allgegenwärtiges
und fundamentales Zeichen für die Rolle der Frauen im
System.
In der Bildsprache des Projekts "Letters from Tentland",
das ursprünglich "Letters from Tehran" hieß,
aus Gründen der iranischen Zensur umbenannt werden musste
und so unfreiwillig eine hintersinnigere, wesentlich treffendere
Bezeichnung erfuhr, werden diese kleinen, zusammenfaltbaren
Eine-Frau-Zelte als Zeichen einer gesellschaftlichen Situation
inszeniert. Das Bühnenstück visualisiert diese Situation
nicht dokumentarisch (ein solcher Ansatz hätte die Aufführung
in Teheran aus politischen Gründen unmöglich gemacht),
sondern übersetzt sie in tänzerische Be-wegung,
in Bilder von eindrücklicher Kraft, die mit den Videoprojektionen
und der Musik verschmelzen. Nach der einleitend auf den geschlossenen
Vorhang projezierten Fotoserie von im ganzen Land aufgenommenen
Frauen-Zelten, unter die sich gegen Ende der Sequenz - als
lakonischer Kommentar zu den Grenzen der religionspolitischen
Kontrollmacht - Notunterkunfts-Zelte für Erdbebenopfer
ohne Ansehen des Geschlechts mischen, kommen die in ihrer
undurch-sichtigen Körperlichkeiten gespenstisch wirkenden
Zelte in einer Gruppenchoreographie tastend und vorsichtig
in Bewegung, erproben ihre Möglichkeiten. Und dann macht
aus einem nach vorne gekommenen Zelt eine der sechs Performerinnen
in einem ersten Monolog die Ambivalenz des Verhülltseins,
die Ohnmacht und untergründige Macht der Unsichtbaren
plastisch greifbar. Dies ist der Auftakt.
Dieses Wechselspiel von Choreographien und programmatischen
Monologen bildet den Grundrythmus. Das immer wiederkehrende
Erstaunen über die stumme "Körpersprache"
der Zelte mischt sich mit der Ergriffenheit, wenn aus den
seitlichen Schlitzen der Zelte Hände auftauchen und wenn
in ihren Fenstern hinter dem Fliegennetz ein Gesicht erscheint
und wenn dann schließlich, als ambivalenter Schlusspunkt,
das Zelt wirklich kurz geöffnet wird.
Neben der Musik, die traditionelle Motive mit Elektronischem
verbindet, spielen die Videoprojekt-
ionen von Karina Smigla-Bobinski und Anna Saup eine tragende
Rolle. Überwiegend kontrapunktisch gesetzt, erscheinen
stehende Bilder als Kulisse für bewegte Choreographien
und filmische bzw. animierte Sequenzen auf dem geschlossenen
Vorhang oder auf statischen Bühnensituationen. Wechseln
sich Bewegung und Sprache auf der Bühne ab, so setzt
sich auch das Repertoire der Projektionen aus Bildern und
Text zusammen. Die Projektionen fungieren als Rahmen, indem
sie einen topographisch-kulturellen Hintergrund aufbauen:
Sie holen mit den Bildern der Zelte, mit der monumental vergrößerten
Schleier- oder Netzstruktur, mit dem Stadt-panorama von Teheran
und der Innenansicht der Notunterkunft genauso wie mit den
laufenden Farsi-Schriftzeilen die iranische Welt auf die Bühne.
Dies ist eine konkrete Verortung des Bühnengeschehens.
Ein Element jedoch durchbricht den Rahmen: Die Sequenz der
nur in ihrer weißen Silhouette sichtbaren unverschleierten
Tänzerin ist imaginär. Sie zeigt schemenhaft das,
was nicht sein darf, und holt damit flüchtig und immateriell
das während des gesamten Bühnenstücks in elaborierter
Symbolsprache Verschlüsselte unmittelbar ins Bild. (Konsequenterweise
ist die Sequenz in den beiden Teheraner Aufführungen
in dieser Form an der Zensur gescheitert.)
"Letters from Tentland" ist mehr als nur eine Theaterproduktion.
Neben einer Buchpublikation und einer website, deren Forum
immer neue Botschaften aus dem Iran zugänglich macht,
die in Zukunft auch in das grundsätzliche offene Textkonzept
des Bühnenstücks einfließen können, gibt
es eine Videodokumentation des Projekts, die Karina Smigla-Bobinski
während einer der "try-outs" genannten Aufführungen
in Deutschland vor der eigentlichen Premiere in Teheran gedreht
hat. In dieser Produktion beschränkt sich Smigla-Bobinski
ganz auf das Theater - keine zusätzlichen Bilder und
Materialien, keine Interviews und Gespräche, etwa mit
den sechs iranischen Performerinnen (was zudem auch immer
politische Risiken für die in Teheran lebenden Künstlerinnen
mit sich hätte bringen können). Stattdessen eine
bewusst zurückhaltende Wiedergabe des auf der Bühne
Gezeigten. In Totalen von einem festen Standpunkt aus sind
die Gruppenchoreographien und die bühnenfüllenden
Videoprojektionen zu sehen, in Nahaufnahmen werden die Monologe
aus den Zelten ins Bild geholt, Halbtotalen zeigen die Interaktionen
zwischen einzelnen Performerinnen in ihren Zelten.
Diese extrem zurückgenommene Art der Darstellung im Medium
Video, das doch unbegrenzte Möglichkeiten der Weiterentwicklung
böte, transportiert eine klare Botschaft: Was bei dem
Projekt "Letters from Tentland" wirklich zählt,
ist das Ereignis seines Zustandekommens. Das Zusammentreffen
von europäischen und iranischen Kulturschaffenden in
einem von vielen äußeren Zwängen bedrohten
und diese Zwänge immer auch zum Thema machenden Gestaltungsprozess,
der in den beiden öffentlichen Aufführungen in Teheran
seinen Kulminationspunkt gefunden hat, ist die Essenz des
Projekts. Mit dem Medium der reinen, "historischen"
Dokumentation der Theaterperformance hat sich Smigla-Bobinski
außerdem den Freiraum geschaffen, das Projekt "Letters
from Tentland" in seinen weiteren Entwicklungsschritten,
deren nächster großer etwa die Performance im Rahmen
der Biennale in Venedig sein wird, auf wieder neue Weise zu
begleiten und zu erweitern.
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Letters from Tentland
invention and choreography Helena Waldmann
drama Susanne Vincenz
lighting Herbert Cybulska
set design Helena Waldmann, Narmin Nazmi
video Anna Saup, Karina Smigla-Bobinski and Farshid Behzad
in collaboration with Goethe Institut Mailand
www.lettersfromtentland.com
Messages from Tentland, a tent city in an unidentified location.
Berlin-born director and choreographer Helena Waldmann and
her six Iranian performers bring seven tents to the stage.
Sometimes an imperceptible movement transmits the life that
agitates within, and at other times the tents are shaken by
violent movements. Then they dance and leap through space
as though to flee. Or they become wrapped up like the envelopes
of the letters they contain. A fragment of life enveloped
in messages exchanged between two cultures beneath a single
sky. (For reasons of censorship this is the only text allowed).
"Together with 12 courageous Iranian women, I am currently
running rehearsals in the studio of the centre for Dramatic
Arts in Tehran, on the seventh floor, almost between sky and
earth. We are looking through a gigantic window, above a metropolis
of 15 million people. The men are opposite, watching but not
entering. Behind the closed door and window which, like a
huge membrane, allows the 'bad vibrations' of the city to
filter through, the performers speak a simple language. They
create their "letters from Tentland", writing, dancing,
playing music, singing, speaking, turning to God, to the teachers,
to the people observing. They articulate their fears. They
dance their great anger in a world which Europe with its clichés,
and through its media, has distorted the reality of this life
mire than this particular religious society could have done.
Twenty-five years after the Islamic revolution, the 'letters
from Tentland' reveal the life behind the walls, curtains
and veils, in a non-public area. Those who did not emigrate
after the revolution hid, became a clandestine and sought
their place individually. Much of this explosive material
is hidden behind these disguises just awaiting the next explosion.
Something that is always upsetting.
For the moment, that is all from Tehran.
Your Helena Waldmann
(from the first letter from Tehran by Helena Waldmann)
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Mittwoch
30. November 2005 - 20 Uhr
Eintritt: 3.50 Euro
"Ein Zentrum in der peripherie" zeigt:
untitled part 3b: (as if) beauty never ends.. 2003, 11 Minuten
(OmeU) Jayce Salloum, Kanada
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Die Arbeit kreist um viele Dinge, wie blühende
Orchideen und wachsende Pflanzen, die von Original Filmaufnahmen
des Massakers von 1982 in den Flüchtlingslagern Sabra
und Shatilla im Libanon überlagert werden. Wolkenaufnahmen,
Hubbell Weltraumaufnahmen, sichtbar gemachte Körperquerschnitte
und abstrakte Zeitlupenaufnahmen von Wasser sind mit den Reflektionen
über die vergangenen Ereignisse, die gegenwärtigen
Zusammenhänge und deren Duldung verknüpft. Mit der
unterlegten Stimme von Abdel Majid Fadl Ali Hassan (ein 1948
- Flüchtling, der im Bourg El Barajneh Lager lebt), der
die Geschichte wiedergibt, die ihm die Trümmer seines
Hauses in Palästina erzählt haben und der Tonuntermalung
des Clips, wird das Video zu einem intensiven Essay über
"Dystopia" in der heutigen Zeit. Eine elegische
Reaktion - direkt, unter die Haut gehend und metaphorisch.
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A more ambient work of many things, including orchids blooming,
and plants growing, superimposed over raw footage from post
massacre filmings of the 1982 massacre at Sabra and Shatilla
refugee camps in Lebanon. Cloud footage, Hubbell space imagery,
the visible body crosscuts, and abstract shots of slow motion
water, add to this reflection of the past, its present context
and forbearance. With the voice over of Abdel Majid Fadl Ali
Hassan (a 1948 refugee living in Bourg El Barajneh camp) recounting
a story told by the rubble of his home in Palestine, and the
collection of audio accompanying the clips, the tape permeates
into an intense essay on dystopia in contemporary times. Working
directly, viscerally, and metaphorically the videotape provides
an elegiac response to the Palestinian dispossession
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untitled
part 1: everything and nothing 2001, 41 Minuten (OmeU)
Jayce Salloum, Kanada
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Das Video ist ein intimer Dialog,
der sich hin und her bewegt zwischen der Darstellung einer
Figur des Widerstandes und der realen Person, *Soha Bechara,
ehemalige Widerstandskämpferin im Libanon, aufgenommen
in ihrem Schlafzimmer in Paris (während dem letzten Jahr
der israelischen Besetzung), ein Jahr nach ihrer Entlassung
aus der Gefangenschaft in El-Khiam, einem Ort der Folter und
Verhöre, in dem sie zehn Jahre lang festgehalten wurde,
sechs davon in Isolationshaft.
Sie denkt über Widerstand, Überleben und Willensstärke
nach, erzählt von Tod, Trennung und Nähe. Sie berichtet
nicht von der Folter, sondern von der Distanz zwischen Person
und Verlust, erzählt von dem was hinter ihr liegt und
was bleibt, dabei spricht Soha Bechara ruhig und direkt in
die Kamera. Ihr "Ich"und ihr Bild von ihr stehen
neben dem überzeichneten öffentlichen Image und
dem Körper einer überlebenden Märtyrerin.
*Soha Bechara ist eine Heldin im Libanon. Während
meiner Arbeit in Beirut in den frühen 90ern waren ihre
Bilder überall in der Innenstadt und auch im Süden
des Landes zu sehen. 1988 wurde sie bei dem Versuch eines
Attentats auf den General der SLA, Antoine Lahad, gefangen
genommen (die South Lebanese Army war eine paramilitärische
Einheit, die von den israelischen Streitkräften kontrolliert
wurde um der Besetzung Südlibanons durch Israel eine
libanesische Fassade zu geben). Ich habe sie nicht direkt
nach der Folter oder dem Trauma der Inhaftierung befragt.
Über Details ihrer Gefangenschaft und den Einzelheiten
ihres Überlebens, den Bedingungen in El-Khiam, den Häftlingen
und dem Widerstand hatte die europäische und arabische
Presse sie bereits fast zu Tode interviewt. Ich besuchte sie
in ihrem kleinen Zimmer, das nicht größer war als
ihre Gefängniszelle (sie studiert zur Zeit internationales
Recht an der Sorbonne). Sie saß auf ihrem Bett und ich
befragte sie über das unterschiedliche Leben in Khiam
und Paris, und Beirut und Paris, und was sie in Khiam verloren
hat, was sie von dort mitbrachte, eine Geschichte über
Blumen, die sie nie ins Wasser stellte, wie es sich anfühlt
jetzt derart beachtet zu werden, und wer sie war, und welchen
Titel das Video erhalten sollte, und ein paar andere Dinge.
Dieses Videomaterial, das ich in der Zeit mit ihr aufgenommen
habe ist nicht wertvoll, es ist Zeit und Gespräch, und
intensive Vertrautheit in einer nahen und unüberwindbaren
Distanz.
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An intimate dialogue that weaves back and forth between representations
of a figure (of resistance) and subject with, *Soha Bechara
ex-Lebanese National Resistance fighter in her Paris dorm
room taped (during the last year of the Israeli occupation)
one year after her release from captivity in El-Khiam torture
and interrogation centre (S. Lebanon) where she had been detained
for 10 years, 6 years in isolation. Revising notions of resistance,
survival and will, recounting to death, separation and closeness;
the overexposed image and body of a surviving martyr speaking
quietly and directly into the camera juxtaposed against her
self and image, not speaking of the torture but of the distance
between the subject and the loss, of what is left behind and
what remains.
*Soha Bechara is a heroine in Lebanon, pictures of her are
seen in many houses in the South and posters of her were seen
all around downtown Beirut when I was working there in the
early 90's. She was captured in 1988 for trying to assassinate
the general of the SLA, Antoine Lahad (the South Lebanese
Army was a proxy militia set up & controlled by the Israeli
forces to give a Lebanese façade to the occupation
of South Lebanon). I didn't ask her anything specifically
about the torture she underwent or the trauma of detention,
she was being interviewed to death by the European and Arab
press over the details of her captivity and the minutiae of
her surviving it and the conditions in El-Khiam and the detainees
and the resistance. I went to her small dorm room, not much
bigger than her cell (she is presently studying international
law at the Sorbonne), she sat on her bed and I asked her about
the distance lived between Khiam and Paris, and Beirut and
Paris, and what she left in Khiam and what she brought with
her, a story about flowers and how she never puts them in
water, how it felt for her now to be under such demand, and
who she was, and what the title of the tape should be, and
a few other things. This video material that I recorded of
the time spent with her is not precious, just time and a conversation,
and intense intimacy at a close and unbreachable distance.
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